Im Juni 1972 wurde Atari von Nolan Bushnell und Ted Dabney gegründet. Mit seinen Videospiel-Automaten und Videospiel-Konsolen wurde Atari zur Keimzelle einer neuen Spielekultur die weltweit mehrere Generationen prägte. Einige Jahre lebte Atari sehr gut vom Erfolg seiner Automaten und Konsolen, auch weil es immer wieder gelang junge und innovative Mitarbeiter zu gewinnen. Zu diesen Mitarbeitern gehörte kurzzeitig auch Steve Jobs, der damals vergebens versuchte Atari zur Entwicklung eines Homecomputers zu überreden. Stattdessen konzentriert sich Atari auf seine Spielekonsolen – und viele der damaligen Videospiele sind heute wahre Klassiker. Der Jahresumsatz von Atari soll 1982 bei zwei Milliarden Dollar gelegen haben, doch schon zwei Jahre später war der Videospielmarkt zusammen gebrochen und Atari schwer angeschlagen. Dennoch wurde Atari in den folgenden Jahren zu einem ernsten Konkurrenten für Apple – aber wie?
Analysten sahen damals für Atari keine Chance und keinen Markt. Rückblickend eine seltsame Beurteilung. Einer damaligen Marktstudie zufolge hatten zu Beginn der achtziger Jahre nur fünf Prozent aller deutschen Haushalte einen „elektronischen Rechenknecht“. Laut der Marktforscher gab es 1984 in deutschen Wohnungen nur rund „430.000 Spielcomputer, 340.000 Homecomputer, 205.000 Schachcomputer und 180.000 Arbeitsplatzcomputer“. Aus heutiger Sicht nicht nur eine seltsame Einteilung, sondern vor allem ein riesiger und kaum erschlossener Markt – und so sah es auch in anderen Ländern aus. Die Marktforscher fragten damals auch nach den beliebtesten Marken. Das Ergebnis: Apple und Atari waren die Spitzenreiter – noch vor IBM und Commodore!
Jack Tramiel erkannte das Potential und übernahm Atari. Das angeschlagene Unternehmen konnte 1984 jedoch nur mit harten Einschnitten saniert werden. Tramiel musste weltweit zwei Drittel der Belegschaft entlassen und die Produktion von Spiel-Konsolen bis auf weiteres stoppen. Für das deutsche Atari-Management waren die Methoden des neuen Eigentümers ein Kulturschock, für Jack Tramiel waren es dagegen wohl die deutschen Management-Ideen. In Deutschland hatte Atari zu dieser Zeit seine Fachhändler stets vor neuer Konkurrenz geschützt und auch einen lukrativen Vertrag mit der Metro-Gruppe ausgeschlagen. Das Argument der Deutschen: Atari-Produkte sind „zu erklärungsbedürftig“ um diese allein über den Preis am Fachhandel vorbei zu verkaufen. Allerdings begrenzte man auch so den Absatz. Der entgangene Gewinn war enorm und die Amerikaner zeigten wenig Verständnis für deutsche Befindlichkeiten. Tramiel und seine Leute räumte mit dem alten Management gnadenlos auf. In Interviews beschwerten sich ehemalige Atari-Manager noch Jahre später über die Methoden und Strategien von Tramiel. Dabei agierte der neue Atari-Boss ähnlich wie Steve Jobs nach seiner Rückkehr zu Apple. Auch Jobs räumte im Management auf und verabschiedete sich von der Konzentration auf die alten Fachhändler um neue Vertriebswege zu suchen. Der Verkauf von Computern über Media Markt, Saturn und Kaufhof ist heute selbstverständlich – für deutsche Atari-Manager damals jedoch unvorstellbar.
Das siechende Unternehmen wird zu Leben erweckt. Bereits 1984 kündigte Jack Tramiel für die kommende CES (Consumer Electronic Show) einen neuen Rechner an – und dieser sollte keine 1000 Dollar kosten. Innerhalb von 5 Monaten war der „Atari ST“ (ST für Sixteen/Thirtytwo) tatsächlich fertig! Auf der CES in Las Vegas war der ST eine kleine Sensation – die Fähigkeiten eines Mac, aber zu einem Drittel von dessen Preis. Damit war Atari wieder im Rennen – und zwar in direkter Konkurrenz zu Apple. Auch in Hannover waren 1985 alle Augen auf Atari gerichtet, denn auf der CeBIT tönte Atari-Chef Tramiel: „Wir wollen in unserem Markt die Nummer eins werden“. In der Computerwoche wurde die damalige Atmosphäre so beschrieben: „Unvergessen für alle Altgedienten der DV-Szene bleiben die Pressekonferenzen von Atari in den 80er und Anfang der 90er Jahre auf der CeBIT in Hannover. Im Hotel Maritim an der Hildesheimer Straße spielten sich Szenen ab, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Wenn Ataris Deutschland-Chef Alwin Stumpf gemeinsam mit seinem US-Boss Jack Tramiel in Hannover Hof hielten, dann war dies ein Pflichttermin für die Journaille.“
Mit dem Mega ST wagte sich Atari weit in das Revier von Apple. Der „Atari Mega ST“ wurde 1987 als das neue „Desktop-Publishing-System“ vermarktet. Zudem hatte Atari damals ungewöhnliche und erfindungsreiche Unterstützer: Die Hersteller von Mac-Emulatoren liebten den ST! Die fast vergessene Geschichte begann in Deutschland mit der Firma Proficomp. Dessen Entwickler hatten den Macintosh-Emulator „Aladin“ herausgebracht, gegen den Apple jedoch sofort eine einstweilige Verfügung erwirkte. Doch das niederländische Softwarehaus Softpaquet fand einen Weg die Verfügung zu umgehen. Softpaquet brachte eine Weiterentwicklung dieses Mac-Emulators heraus und bezeichnete seine neue Version einfach als „alternatives Betriebssystem“. Und tatsächlich konnte mit dem alternativen Betriebssystem der Atari ST in einen Macintosh-kompatiblen Rechner verwandelt werden. Viele Mac-Programme, die bisher nicht auf dem ST liefen, funktionierten plötzlich einwandfrei. Sogar Desktop-Publishing-Programme konnten genutzt werden, da das „neue System“ auch das Drucken mit PostScript-fähigen Laserdruckern unterstützte. Über eine kostenlose Hotline gab Softpaquet Hilfestellung bei Problemen. Bei Apple war man sauer – und musste doch erleben, wie in den folgen Jahren immer mehr und immer bessere Macintosh-Emulatoren herauskamen.
Ende der 80er Jahre präsentierte Atari die meisten Neuvorstellungen. Neben neuen Atari-Computern wurde 1989 mit „Stacy“ ein portabler ST und mit der „Lynx“ eine tragbare Videospielkonsole vorgestellt. Zu selben Zeit wurde von pfiffigen Amerikanern ein weiterer Mac-Emulator entwickelt: “Spectre GCR”. Damit konnte jeder Atari ST zu einem „Mac Plus“ oder einem „Mac SE“ werden – und der Emulator verwandelte sogar Ataris Stacy in einen „Macintosh Portable“. Vor allem: Der Preis von Emulator und Stacy betrug zusammen nur rund ein Drittel des damaligen „Macintosh Portable“. Zeitgleich kam die „Stalk-Karte“ auf den Markt, damit konnten Atari-Rechner auch in bestehende Apple-Netzwerke eingebunden werden und Apple-Laserdrucker nutzen. Bei Apple dürfte man vor Wut geschäumt haben.
Trotz aller Erfolge scheiterte Atari an eigenen Managementfehlern und der rasanten Weiterentwicklung des Computer-Marktes. Beispielsweise wurde 1991 sowohl von Apple, als auch von Atari ein eigenes Notebook vorgestellt: das „PowerBook“ und das „ST-Book“. Allerdings fand sich das ST-Book erst im Sommer 1992 in den Läden – ein Jahr nach dem das PowerBook von Apple. Zudem hatte Atari die Wünsche seiner Kunden falsch eingeschätzt, denn das ST-Book hatte kein Laufwerk und nur wenige Anschluss-Ports. Was heute für Apple-Kunden bei iBooks und iPads akzeptabel ist, das wurde damals bei Ataris Notebook nicht toleriert. Kaum jemand interessierte sich für das ST Book – und mit anderen Atari-Produkten lief es in den neunziger Jahren nicht viel besser.
Mit seiner Strategie erlitt Atari dramatische Umsatz- und Gewinneinbrüche. Ein Jahrzehnt nach dem Einstieg von Jack Tramiel kam es bei Atari erneut zu harten Einschnitten: Atari musste sich vom Computermarkt verabschieden und konzentrierte sich auf die Produktion von Videospiel-Konsolen. Mit der Jaguar versuchte man noch einmal die erfolgreichen Konsolen-Zeiten aufleben zu lassen, doch allein 1995 hatte Atari in wenigen Monaten 22 Millionen Dollar Verlust gemacht – bei nur 12 Millionen Umsatz.
Im Frühjahr 1996 gab Jack Tramiel die Fusion von Atati und JTS bekannt. Das war das Ende der Eigenständigkeit. Atari wurde zu einer reinen Marke – die noch häufig den Besitzer wechselte. Für seine Fans ist Atari bis heute Kult und die Spieleklassiker von Atari werden jetzt für iPad und iPhone vermarktet. Aus Sicht von Apple ist die Atari-Geschichte jedoch eine Warnung: Auch ein Marktführer kann unwiderruflich ins Wanken geraten – und abstürzen.