Deutsche Firmen wollen eigene Top-Level-Domains

von horchposten am 15. Juni 2012 in Allgemein

Diese Woche hat die Internet-Verwaltung ICANN sowohl die Bewerber für neue generische Top-Level-Domains (gTLD), als auch die geplanten Bezeichnungen bekannt gegeben. Wie erwartet wurden zahlreiche Firmen-, Vereins- und Markennamen beantragt. ICANN erklärt die generischen Top-Level-Domains so:

„What is a gTLD? It is an Internet domain name extension such as the familiar .com, .net, or .org. There are 280 ccTLDs but only 22 “generics” in the domain name system right now, but that is all about to change.“

Das hört sich recht nüchtern an, aber tatsächlich gingen bei ICANN 1930 Anträge für neue Top-Level-Domains ein. Es dürfte die größte Ausweitung des Adressraums in der Geschichte des Internets werden – und Google und Amazon wollen sich mit 101 bzw. 76 Anträgen die meisten der neuen Top-Level-Domains sichern. Microsoft hat dagegen nur 11 Anträge gestellt. Und Apple? In Cupertino hat man Prioritäten gesetzt und offiziell nur eine einzige generische Top-Level-Domain beantragt: APPLE.

 

Wird es Top-level-Domains für deutsche Firmen geben?

Haben die Deutschen die Weiterentwicklung des Internets verschlafen? Die Frage stellt sich, denn die Zahl der Anträge von deutschen Firmen ist relativ gering,. Bei einer Gebühr von 148000 Euro pro Antrag aber vielleicht verständlich. Hier ein Überblick der Antragsteller aus Deutschland und deren gewünschte Top-Level-Domain:

Die ACO Severin Ahlmann GmbH hat einen Antrag für ACO gestellt, der Allgemeine Deutsche Automobil-Club für ADAC, Allfinanz Deutsche Vermögensberatung für ALLFINANZ, AUDI AG für AUDI, Werkhaus GmbH für BAUHAUS, Bayerische Motoren Werke für BMW und auch für MINI, BLANCO GmbH für BLANCO, Boehringer Ingelheim Pharma für BOEHRINGER, Robert Bosch GmbH für BOSCH, Deutsche Post AG für DEUTSCHEPOST und DHL, Deutsche Vermögensberatung Aktiengesellschaft für DVAG, EDEKA Verband kaufmännischer Genossenschaften für EDEKA, Merck KG für EMERCK und für MERCK, Fresenius Immobilien-Verwaltungs-GmbH für FRESENIUS, GEA Group AG für GEA, 1&1 Mail & Media GmbH für GMX, ifm electronic GmbH für IFM, KSB AG für KSB, Schwarz Domains und Services GmbH für LIDL, Linde AG für LINDE,  MAN SE für MAN, OBI Group Holding GmbH für OBI, Bosch Rexroth AG für REXROTH, RWE AG für RWE,  SAP AG für SAP, mySARL GmbH für SARL, Schaeffler Technologies AG für SCHAEFFLER, Schwarz Domains und Services GmbH für SCHWARZ und für SCHWARZGROUP, SEW-EURODRIVE GmbH für SEW, SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH für SPIEGEL, mySRL GmbH für SRL, STADA Arzneimittel AG für STADA und die TUI AG hat für TUI einen Antrag gestellt.

Diese deutschen Firmen wollen also durch eine eigene Top-Level-Domain mit ihrer Marke im Internet noch präsenter sein. Teils sehr überraschend, denn nicht alle Firmen sind bisher als technische Vorreiter im WEB 2.0 aufgefallen.

 

Wurden nur TLD-Anträge für Firmen- und Markennamen gestellt?

Nein. Die Vermögensberatung DVAG hat auch zusätzliche Anträge für VERMÖGENSBERATER und VERMÖGENSBERATUNG gestellt. Auch die Deutsche Post will sich mit TRUST und EPOST weitere Top-Level-Domains sichern. Wäre EMAIL da nicht eine gute Ergänzung gewesen? Für MAIL hat jedenfalls 1&1 einen weiteren Antrag gestellt – und befindet sich damit in Konkurrenz zu sechs anderen Antragstellern, darunter auch Amazon. Da war Microsoft cleverer und hat statt MAIL einfach HOTMAIL als TLD beantragt. Die Minds+Machines GmbH will sich übrigends NRW schnappen. Alle 1930 TLD-Anträge finden sich auf der Website von ICANN.

Bemerkenswert ist das Nichtinteresse einiger deutscher Firmen, beispielsweise wurden für DAIMLER, MERCEDES oder BENZ keine TLD-Anträge gestellt. Dabei ist in der Antragsliste die Autoindustrie ansonsten stark vertreten. Chrysler stellt sogar Anträge für verschiedene Modelle, wie DODGE oder JEEP. In anderen Teilen der deutschen Wirtschaft scheint man mutiger zu sein, als bei Daimler.

 

Eine Überraschung findet sich unter den TLD-Anträgen.

Die obige Auflistung beinhaltet nur deutsche Firmen die bei ihrem Antrag als „LOCATION“ ein „DE“ angegeben haben. ICANN erklärt die Einstufung der „LOCATION“ so: „Indicated by applicant as primary country of business.“ Das hat zumindest zu einer echten Überraschung geführt: Für VW scheint die USA als „primary country of business“ zu gelten. Tatsächlich hat der VW-Konzern den Antrag für die gTLD VOLKSWAGEN durch die Volkswagen Group of America Inc. stellen lassen – und die haben dabei offensichtlich nicht an das Mutterland ihres Konzerns gedacht.

 

Ab wann gibt es die neuen TLDs im Internet?

Bis die neuen generischen Top-Level-Domains auch online gehen, werden noch Monate vergehen. Ab Juli will ICANN die Bewerbungen prüfen und ab Dezember 2012 die ersten Entscheidungen bekannt geben. Allerdings dürfte sich das Verfahren gerade bei TLDs mit mehreren Antragstellern zeitlich sehr in die Länge ziehen. So mancher könnte da entnervt aufgeben. Ob am Ende wohl noch deutsche Firmen dabei sein werden?